Bildet Banden! – Warum Feminismus bedeutsam für mich und meinen Vaginismus ist
- Anonym
- 20. März
- 6 Min. Lesezeit
Da saß ich nun, mit meinen 27 Jahren, und erfuhr von meiner Therapeutin, dass ich an Vaginismus leide. Plötzlich hatte ich einen Namen für all das, was ich im letzten Jahrzehnt gefühlt, erlebt und durchlitten hatte. Ich hatte eine Diagnose und die Symptome, die meine Therapeutin beschrieb, spiegelten meine Sexualität der letzten Jahre wider. Ich konnte es nicht fassen. Ja, ich hatte Schmerzen beim Versuch, etwas in mir aufzunehmen. Ja, ich habe mich ungern Männern emotional und vor allem körperlich geöffnet. Ja, ich hatte häufig einen Vaginalpilz nach dem Sex und ja, verdammt noch mal, Sex war etwas über das ich nicht reden wollte, weil ich mich für all meine (Nicht-)Erfahrungen schämte. Es war ein befreiendes und zugleich beängstigendes Gefühl, doch es bedeutete, dass ich mich endlich gezielter informieren konnte. Ich konnte nach Personen suchen, denen es genauso ging. Ich hatte nun endlich die Möglichkeit, eine Lösung für mich und mein Problem zu suchen.
Doch, wie bin ich überhaupt zu diesem Punkt gekommen? Dem möchte ich gerne in diesem Beitrag auf die Spur gehen. Und meine Überschrift verrät es, ich habe schon einen Verdacht.
2016 trennte ich mich nach acht Jahren Beziehung von meinem damaligen Freund. Ich war 15 als wir zusammenkamen und 23 Jahre alt als wir uns trennten. Alle meine ersten sexuellen Erfahrungen sammelte ich mit ihm. Ich lernte meinen Körper durch ihn kennen und ich musste erfahren, dass ich mich ihm gegenüber nicht genug öffnen konnte, um Sex zu haben. Zumindest dachte ich das, da ich meinen Gynäkolog*innen Glauben schenkte (s. Beitrag Abstriche machen). Heute kann ich sagen, dass wir sehr wohl Sex hatten, nur eben keinen penetrativen. Diesen Unterschied kannte ich damals nicht und auch lange nach unserer Beziehung glaubte ich, dass nur penetrativer Sex auch wirklicher Sex ist. Mein Wissen von heute hätte so viel Druck aus meiner Beziehung und aus der Zeit nach der Trennung nehmen können. Denn auch den Männern, die ich nach meiner Beziehung kennenlernte, erklärte ich Stoßgebet artig, dass sie mit mir keinen Sex haben könnten, da ich noch Jungfrau bin und ich keinen Sex haben konnte/wollte. Ich fragte mich die ganze Zeit über, woran es liegen könnte. Wollte ich keinen Sex? Konnte ich ihn nicht haben? Das war mir ein absolutes Rätsel. Ich hatte einfach immer das Gefühl, dass sich eine Mauer während des Sexes hochzog. Eine Mauer, die mich hat unsicher werden lassen. Einmal sagte einer der Männer, den ich bereits zwei Jahre kannte und wir eine On-Off-Beziehung pflegten mitten im Akt: „Da ist sie wieder, diese Mauer.“ Und er hatte Recht, mittendrin wurde ich unsicher, mein Gedankenkarussell startete und er sah es mir direkt an. Ich stieß ihn nicht weg oder sagte irgendwas, aber er kannte mich gut genug, dass er es wahrnehmen konnte und sofort reagierte. Gut, dann eben kein weiterer Versuch etwas einzuführen und wie gewohnt weitermachen – hatte ja auch seinen Reiz. Aber ich fand es extrem spannend, dass es mir scheinbar ins Gesicht geschrieben stand oder er es vielleicht doch an irgendeinem körperlichen Reflex spürte, den ich nicht wahrnahm. Ich setzte mich nach dieser Erfahrung deutlich mehr mit den Signalen meines Körpers auseinander. Zu dem Zeitpunkt verstand ich nicht, dass es eher meine Psyche war, die mich zu schützen versuchte. Und ebenso war ich noch nicht an dem Punkt, an dem ich meine eigenen Grenzen spürte und sie wahrte.
Ich lernte nicht nur weiterhin Männer kennen und schaute, was mir gefiel, sondern erkannte, dass ich aus verschiedenen Gründen eine Therapie brauchte. Unter anderem wollte ich über meine Sexualität sprechen, aber so weit war ich zu Beginn der Gesprächstherapie nicht. Doch nach und nach schien meine Therapeutin hinter die Fassade zu schauen und zu erahnen, was es ist, was mich diese Mauer immer wieder hochfahren ließ. Aber äußern tat sie das, zumindest in meiner Erinnerung, noch nicht.
2019 kam dann der Wendepunkt für mich. Na gut, es war kein konkreter Punkt, es war eher ein Weg, den ich für mich fand. Ich wurde Teil einer großen gesellschaftlichen Bewegung. Und auch wenn es in dieser Bewegung nicht hauptsächlich um Feminismus ging, konnte ich viel aus den Gesprächen mit den FLINTA*-Personen der Gruppe mitnehmen. Ich lernte, was Self-Awareness ausmachen kann und welche Bedeutung sie für eine gesunde Psyche und einen gesunden Körper hat. Ich setzte mich mit toxischer Männlichkeit, Sexismus und patriarchalen Strukturen auseinander und lernte immer wieder, wie all diese Themen mich, meinen Körper und meine Psyche beeinflussen. Denn eines wurde sehr schnell klar: Von Gleichberechtigung kann noch lange keine Rede sein. Während sich dies in so großen und bekannten Themen, wie dem Gender Pay Gap bemerkbar macht, können wir auch sehen, dass die Aufklärung in der Schule sehr eingeschränkt ist. So kam es, dass ich erst mit 25 Jahren den Unterschied zwischen einer Vulva und einer Vagina lernte und bis zu meinem 28. Lebensjahr fast gar nichts über die Klitoris wusste. Das Wissen über Geschlechts- bzw. Lustorgane und meinen Zyklus war jedoch unfassbar bedeutend für mich. Während ich in feministischen Kreisen begann, mich vermehrt mit Weiblichkeit*, Lust und Anatomie auseinanderzusetzen, realisierte ich, dass das Jungfernhäutchen nur ein Konstrukt ist. Das war für mich eine Offenbarung. Das Thema Feminismus sowie der Kampf gegen den Sexismus und das Wissen, welches damit einhergehen kann, hat meine Welt grundlegend auf den Kopf gestellt.
Nach und nach begann ich in meiner Therapie und später auch mit Freund*innen oder Familienmitgliedern über meine Sexualität zu sprechen. Ich merkte, dass ich mich nicht zu schämen brauchte. Das Wichtigste war für mich: Durch all die Gespräche mit tollen FLINTA*-Personen holte ich mir ganz viel Kraft und Verständnis für meinen Körper. Es tat so gut, ich blühte richtig auf. Es ging dabei gar nicht konkret um meinen Vaginismus, es ging vielmehr um Empowerment. Es ging um Banden, die ich bildete. Banden aus Menschen, die mich verstehen, mit denen ich gemeinsam herausfinden kann, welche Jahrtausend alten Strukturen hinter dem Sexismus und dem Patriarchat stehen und wie es uns alle noch immer beeinflusst. Dabei war für mich eine spannende Erkenntnis, dass wir alle unter dem Patriarchat leiden. Auch Cis-Männer müssen sich, wenn auch deutlich weniger sichtbar, einschränken. „Heul nicht wie ein Mädchen, du Pussy!“ Zwei Dinge (mindestens) sind daran für mich falsch. Erstens: Auch Männer dürfen weinen. Und zweitens: Die Genitalien von Frauen* werden stets als Beleidigung, als etwas schwaches angesehen. Und das ist nur eines der vielen Beispiele von Sexismus, der uns jeden Tag umgibt.
2021 erfolgte dann die für diesen Beitrag wohl spannendste Veränderung. Wir gründeten die Hamburger Selbsthilfegruppe. Zweiwöchentliche Gespräche in kleiner Runde über Sexualität, Intimität und Partnerschaft wurden zu einer schönen Gewohnheit. Wir konnten einander stärken, aufklären, Mut machen, zuhören und die jeweiligen Entwicklungen der Teilnehmerinnen beobachten und von Herzen feiern. Und das machen wir nun seit vier Jahren und ich liebe es so sehr. Für mich gab es in der Gruppe bisher keine Tabus, ich lerne noch heute immer wieder neue Dinge dazu. Besonders aufregend finde ich es, dass ich in der ganzen Zeit so viel über meinen Körper lernen konnte. Die Stärkung durch die Selbsthilfegruppe und durch die Menschen in meinem Umfeld hat es mir möglich gemacht, offen und ehrlich in meiner gynäkologischen Praxis zu sein und genau benennen zu können, was meine Probleme und meine Bedürfnisse sind. Ich verstehe nun die menschliche Anatomie und konnte meine fehlende Aufklärung aus der Schulzeit nachholen. Nach und nach habe ich mit Physiotherapeutinnen deutlich konkreter über meinen Beckenboden gesprochen, konnte eine Behandlung starten und Techniken lernen, die mich meinen Beckenboden spüren lassen.
Mein Vaginismus ist nicht „besiegt“ und wird es vermutlich auch nie sein, aber ich habe die Macht über meinen Körper zurückerlangt. Das habe ich durch Aufklärung und durch die tollen Menschen und mein stets wachsendes Netzwerk geschafft. Und gerade in diesen Zeiten können Banden genau das sein, was wir FLINTA-Personen am dringendsten brauchen.
¹ FLINTA* steht für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen. Gemeint sind demnach alle, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität patriarchal diskriminiert werden – durch das Sternchen am Ende wird weitere Vielfalt ausgedrückt.
² Gender Pay Gap: Verdienstabstand pro Stunde zwischen Frauen und Männern
³ Hierzu möchte ich die Bücher von Louisa Lorenz „Clit - Die aufregende Geschichte der Klitoris“ und „Das Jungfernhäutchen gibt es nicht“ von Oliwia Hälterlein mit tollen Illustrationen von Aisha Franz empfehlen.
⁴ Männer, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde und die sich damit identifizieren.